Luftiger Schal aus Regenbogenmohair

Ich mag Projekte aus einem einzigen Knäuel Wolle. Wenn ich auf der Banderolle lese, für einen Pulli wären 450 g von Nöten, bekomme ich schon Herzschmerzen. 450 g sind 9 Knäuel a 50 g. Wahnsinn!

Nein, ich habe die Geduld für Pullis nie gehabt, außerdem muss man dabei ganz genau zählen, ganze zwei gleiche Ärmel herstellen und die Form ganz genau beachten… Wo bleibt der kreative Ausdruck dabei? Für Pullis gibt es Strickmaschinen. Sie stricken schön glatt und regelmäßig und kriegen die Form so richtig gut hin. Ich aber ziehe übersichtlichere Projekte vor (meine Teppiche sind eine andere Sache, sie fallen unter der Rubrik „Meditation im Kreis“ und gehören eher zur Abteilung „Bodenbilder“, die ich eigentlich lieber an der Wand wissen möchte).

Zurück zum heutigen Thema: ein Knäuel Mohair mit wunderschönen Farben – ein süßer luftiger Schal. Mein Dilemma war: wie schaffe ich es den Schal so zu gestalten, dass er lang und voluminös genug wäre, also seine wärmende Funktion erfüllt, und doch nicht mehr als die 50 g braucht. Die Lösung hat das Material selbst herausgefordert: Mohair verlangt viel Luft, um sich auszubreiten, also mit einer stärkeren Nadel ein löchriges Muster kreieren und die Breite auf 10 bis 16 cm begrenzen. Entscheidung getroffen, also legte ich los.

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Damit die Farben schön durchgemischt werden, habe ich immer der Länge nach gehäkelt und auf dem Zufallsprinzip vertraut. Beim Regenbogen kann man nichts falsch machen, die Farben passen immer gut zusammen. Eines verrate ich den Kopielustigen: der Anfang liegt in der Mitte, gehäkelt wird von beiden Seiten.

Und hier zeige ich euch die verschiedenen Möglichkeiten diesen Schmuckschal zu tragen:

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Eine haarige, aber seeehr schöne Angelegenheit.

Der Schal ist auf Dawanda und Etsy zu haben. Ich hoffe, er hat euch gefallen oder zu etwas viel Schöneres inspiriert 🙂

Bis bald,

eure Bennelle

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stricken als Protest

In einer Inszenierung des Stückes „Utopia. Gesellschaft ohne Kapital?“ des Theaters 1000 Hertz klappern im Hintergrund die Schauspieler unaufhörlich mit ihren Stricknadeln.  Stricken als Protest.

„Wir sind ein riesiger Pullover, der sich auflöst“,  bekennt sich die Heldin als klammheimliche anarchische Proteststrickerin.

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Mein Freund hat Theaterwissenschaft in Erlangen studiert und hat mir erzählt, wie alle zusammengesessen haben, politisiert und diskutiert haben und alle, Männer und Frauen, ständig etwas gestrickt haben. Das war Ende der 80er Jahre. Was haben sie denn gestrickt? Schals, sagte er. Hat sie auch jemand getragen? Nein. Es gehörte einfach dazu. Protest oder Gruppenzwang?

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Auch in der Ökobewegung der 80er-Jahre stand das Stricken im Blick der Öffentlichkeit. Mit der Anti-Atom-Bewegung und den Grünen kommt Stricken wieder in Mode.

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Michael Cramer, von 1989 bis 2004 verkehrspolitischer Sprecher der grünen Fraktion, saß häufig mit Strickzeug im Plenarsaal und produzierte Pulswärmer, Babysocken, Schals, Mützen und – Pullover. Das wohl bekannteste Stück ist sein Anti-Atomkraft-Pullover, den er in seiner Zeit als Lehrer gestrickt hatte und immer noch tagtäglich trägt. Sogar in seiner jetziger Amtszeit als EU-Parlamentarier in Brüssel.

Auf der Homepage der Grünen Fraktion verspricht man uns in zwei Artikeln das Strickmuster zum Antiatompulli… Wie schade, dass das Muster war nicht mehr aufzufinden ist …

Ich besuche die Homepage von Kirsten Brodde (http://www.kirstenbrodde.de/?p=1068), der die Berliner Grünen aufgetragen haben, das Muster aus dem Pulli herauszuheben und der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen (wohlbemerkt: das Muster und nicht die Anleitung), doch da funktioniert der Link auch nicht. Die Grünen hatten anlässlich der 30-jährigen Feier ihres Bestehens einen Wettbewerb zum Thema „Wer strickt den besten Antiatompulli“ gestartet. Von den Ergebnissen des Wettbeverbs konnte ich keinen Namen erfahren und nur diese Fotos ausfindig machen:

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Die kunstvolle modische Umsetzung des Themas hat das Label Kirsten Brodde selbst geschaffen. Hier ist die damenhafte Variation des Antiatompullis:

Natürlich sollte dieser käufliche Pulli auch 100% ökologisch rein sein. Kirsten schreibt dazu „Es gibt nur ein Stricklabel in diesem Land, was einen so eigenen Stil hat wie das von Carolin Ermer-Graening. Was in Berlin zu Hause ist und absolut konsequent in puncto Ökologie und Ethik. Seit 2006 gibt es caro e. “

Heute ist Stricken für Männer  im Plenarsaal wieder in, wie dieser Schnappschus vom Grünen Parteitag in Erfurt beweist:

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Die Piraten , schließen sich dieser Tendenz auch an. Beachtet dabei die Vielzahl an verschiedenfarbigen Knäueln im geöffneten Wollkoffer! Anke Domscheit-Berg strickt einen kunterbunten Schal.

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Einige Parteikolleginnen sitzen neben ihr und tun es ihr gleich:

Piraten Parteitag

Protest, aber nett

Die Piraten erinnern in vielen Punkten an die frühen Grünen. Dies spiegelt sich nicht zuletzt optisch wieder: Das unangepasste Äußere in den Parlamenten ist ein Statement – Wollpullis, Sonnenblumen und Latzhosen bei den Grünen, Laptops, Blaumänner und Trainingsjacken bei den Piraten.

Auf dem Parteitag in Bochum rief Anke Domscheit-Berg zum Stricken auf: „man kann übrigens alles umstricken/-häkeln, Stuhlbeine, Stecker, Stehmikrofone, Gerueste, Gelaender“.

Wie wahr, aber verschwindet auch der Rost unter dem Häkelkleid?